Die Zofen von Jean Genet
Aus dem Französischen von Simon Werle
Aufführungsrechte: Verlag der Autoren, Frankfurt am Main

Premiere: 08.03.2001 in der Aula Carolina in Aachen


[zum vergrößern Bilder anklicken]

 

Solange Alexandra Eitorf
Claire Laura Gerhardt
Stimme der Gnädigen Frau Sophie Basse
   
Inszenierung Bernhard F. Loges
   
Regieassistenz Marco Löhrer
Licht Eduard Joebges
Maske Julia Schmincke
Plakat-, Flyer-, Programmheftlayout Marco Löhrer


Die beiden Schwestern Claire und Solange dienen als Zofen bei der Gnädigen Frau.
Wenn sie allein sind, spielen sie Herrin und Dienerin. Rituale der Unterdrückung, der Erniedrigung und Quälerei. Durch einen anonymen Brief haben die Zofen den Hausherrn denunziert und ins Gefängnis gebracht. Nun erfahren sie, dass er wieder freigelassen ist.
Die Schwestern fürchten die Entdeckung der Intrige und wollen die Gnädige Frau mit vergiftetem Lindenblütentee endlich aus dem Weg räumen. Der Anschlag misslingt. Fasziniert vom Spiel übernimmt Claire die Rolle der Herrin und lässt sich von ihrer Schwester vergiften. Solange fiebert bereits ihrer Bestrafung entgegen, dem Todesurteil.

Jean Genet
*19.12.1910 - †15.04.1986
Vater unbekannt. Lieblos in einer Bauernfamilie erzogen, früh homosexuell. 15-jähr. in der Besserungsanstalt Mettray. Flucht in die Fremdenlegion, zwielichtes Leben im Marseiller Hafen, jahrelang Landstreicher in mehreren Ländern, oft in Gefängnissen; auf Führsprache von Sartre, Cocteau u. a. von lebenslänglicher Haft begnadigt; Buchhändler in Paris. --- Stark autobiographisch bestimmter Autor. Genet, selbst außerhalb der Gesellschaft, Moral und Konvention stehend, verherrlicht in erzählenden und dramatischen Werken den moralisch und sexuell anormalen Ausnahmemenschen als höheres mythisches Wesen, das, erhaben über Schuld, keiner Rechtfertigung seines Handelns bedarf. Sein Werk ist zugleich Selbstbehauptung gegenüber der Gesellschaft, die ihn ablehnt, sowie Bestätigung und Kult seiner Person und Lebensführung. Verrat, Verbrechen und sexuelle Perversion sind wesentliche Themen. Sein Stil, suggestiv, in einzelnen Teilen lyrisch, bilderreich, schöpft aus Argot und ist trotz seiner barocken Fülle gezügelt.
Theaterstücke (Auswahl): Die Zofen, 1947. Unter Aufsicht, 1949. Der Balkon, 1956/ 61. Die Neger, 1958. Die Wände, 1961.

Vorfall aus dem Jahr 1933
Christine und Léa Papin waren 28 und 21 Jahre alt und schon lange in einem bürgerlichen Haushalt in der Provinzstadt Mans beschäftigt.
Die Familie war außerordentlich streng mit den Hausmädchen, obwohl diese ihren Pflichten vorbildlich nachkamen. Eines Tages versagte die Elektrizität im Haus. Da die Familie nicht da war, trugen die Dienstmädchen die Verantwortung.
Als Mutter und Tochter nach Hause kamen, beschimpften sie die Schwestern, die in einem Wutanfall Mutter und Tochter die Augen auskratzten und sie töteten. Dann verstümmelten sie die Leichen und badeten die eine im Blut der anderen. Nach getaner Arbeit wuschen sie ihre Werkzeuge, nahmen ein Bad und legten sich im Bett zur Ruhe mit den Worten: „Da haben wir uns aber was geleistet!“
Die Schwestern waren immer unzertrennlich gewesen, selbst in ihren Ferien. Bei ihrem Prozess waren sie außerstande, ein Motiv für ihr Verbrechen zu nennen. Ihr einziges Interesse war, die Schande gemeinsam zu tragen. Nach fünf Monaten im Gefängnis während derer sie von ihrer jüngeren Schwester getrennt war, brach Christine zusammen und versuchte, diesmal sich selbst die Augen auszukratzen. Als sie in eine Zwangsjacke gesteckt wurde, machte sie obszöne Verrenkungen, dann fiel sie in Schwermut.
Nachdem die beiden Mädchen zur Guillotine geführt wurden, sank Christine auf die Knie.
Nach Edmund White: Jean Genet, München 1993


Das Ritual
Solange ist, wenn sie sich dem Zeremoniell hingibt, nicht mehr Solange, Claire nicht mehr Claire. Jede Schwester verkörpert auch die andere und zugleich die gnädige Frau. Das Ritual hebt die Konturen der Personen auf, die gestohlenen Gebärden werden zum Besitz und verändern für Augenblicke das Bewusstsein.
Die Zofen steigern sich in den Gedanken hinein, sie würden die Herrin ermorden und damit ihre Vollkommenheit erreichen, ihre Macht über die Dinge und die Souveränität ihrer Gebärden.
Die Dienerinnen benutzen ihre eigenen alltäglichen Reibereien, um dem Zeremoniell Intensität zu geben.

Die gnädige Frau und ihre Dinge
Die Herrin ist mit ihrem Besitz identisch. Genet konstruiert eine Komplizenschaft zwischen der gnädigen Frau und ihrem Besitz. Sie verfügt souverän darüber, sie zählt die beiden Zofen zum Inventar wie die Möbel.
Die Gnädige bewegt sich zwischen ihnen in tiefem Einverständnis. Den Zofen aber sind alle Dinge feindlich: „Alles wird uns anklagen. Der Abdruck deiner Schultern in den Vorhängen, mein Gesicht in den Spiegeln, das Licht wird alles gestehen.“
Die Dinge sprechen also selbst zu der Herrin, sie sind mit ihrer Besitzerin verschworen.
Werner Kliess: Genet, Berlin 1967